14 Filme in 90 Minuten

Was mit einer harmlosen Moosschicht beginnt, wird schleichend, aber unaufhaltsam zu einer alles umhüllenden grünen Decke. Da wuchert und rankt es, es knospt und blüht, bis nichts mehr von den menschlichen Bauten übrig ist. Es geschieht ganz langsam und mit monströser Eleganz. Die Bilder, die den letztendlichen Triumph der Natur über die Zivilisation zeigen, sind so greifbar und authentisch animiert, dass es wirkt, als geschehe dies alles genau zu jener Zeit an jenem Ort: an diesem Abend beim Kurzfilmabend im Cineplex-Kino in Germering.

Weil der 21. Dezember der kürzeste aller 365 Tage ist, rufen Kinos in ganz Deutschland seit einigen Jahren mit einem Spezialprogramm den Kurzfilmtag aus. In Germering bedeutet dies 14 Filme von neun beteiligten Nationen in 90Minuten. Das Wildwuchs-Utopia "Wrapped", das als erster Film gezeigt wird, ist ein studentisches Abschlussprojekt an der Filmakademie Baden-Württemberg und dabei auf seine stille, doch kraftvolle Art nicht minder imposant als Roland Emmerichs Weltuntergangsepen.

Dass die Hochschule in Ludwigsburg ihren guten Ruf nicht von ungefähr hat, beweist ein weiterer Kurzfilm-Macher im Germeringer Programm: Jacob Frey hat sein Studium dort mit dem Animationsprojekt "The Present" beendet, eine rührende Geschichte über einen beinamputierten Jungen, der seinen neuen Freund in einem dreibeinigen Welpen findet. Dass die beiden dieses Handicap gemeinsam haben, erfährt man erst in den letzten Sekunden des Films. Diese unvorhergesehenen Pointen sind es ja auch, die einen großen Teil des Reizes von Kurzfilmen ausmachen.

Anders, aber ebenso überraschend endet die australische Produktion "Julian": Der Protagonist, ein überkorrekter Neunjähriger, wird zum Büro des Rektors zitiert, weil er einen Mitschüler verpetzt hat. Doch als Julian den Schulleiter in einer heiklen Situation mit einer barbusigen Kollegin ertappt, nutzt der clevere Junge die Gelegenheit, an der Schule in seinem Sinne Gerechtigkeit walten zu lassen. Aus Deutschland kommen noch "Bende Sira" und "Wir könnten, wir sollten, wir hätten doch", die aus unterschiedlichen Gründen zwei der besten im Programm sind.

Ersterer braucht keine Worte, obwohl es im Film viele davon gibt: In türkischer Originalsprache zeigt dieser einige Jungen, die ihr Geld so zusammenlegen, dass regelmäßig einer von ihnen ins Kino gehen kann, um den anderen dann davon zu erzählen. Die Emotionen, die die Kinder dabei erleben, sind so ehrlich und ergreifend, dass man das Werk der türkischstämmigen Künstlerin Ismet Ergün durchaus als Hommage an die kleinen Freuden des Lebens begreifen darf. "Wir könnten, wir sollten, wir hätten doch" konfrontiert ein Ehepaar, das einen Fernsehabend mit selbstgemachtem Sushi verbringen möchte, mit dem Schicksal eines Flüchtlings, der an ihrer Tür klingelt und um Hilfe bittet. Dass sie ihn nicht hereinlassen, sondern im Schwall ihrer eigenen Eheprobleme den frierenden Ousmane vollkommen vergessen, stimmt gerade um Weihnachten, als Josef und Maria der Bibelgeschichte nach auf ähnliche Weise abgewiesen wurden, nachdenklich.

Ohne Gesellschaftskritik dieser Art, dafür mit zauberhaften Bildern überzeugt der deutsch-portugiesische Stop-Motion-Film "Amélia und Duarte". Nach ihrer Trennung versuchen die Protagonisten, jeden Funken des anderen aus ihrem Leben zu streichen. Ein weiterer Höhepunkt ist schließlich der Schweizer Film "Discipline", der das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Kulturen und Einstellungen in einem Supermarkt und die nicht gelingende Kommunikation dieser untereinander schildert. Einen regen Austausch unter den Besuchern hätte man sich auch im Germeringer Cineplex im Rahmen der Sondervorführung gewünscht. Doch leider war die Resonanz mau und mussten die Kurzfilme vor nur spärlich besetzten Reihen gezeigt werden.

Süddeutsche Zeitung | written by Valentina Finger | 27.12.2016

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